| 4

Besseres Vorsorgeverhalten in der Praxis: Save more tomorrow – morgen mehr sparen

Foto: Nastco/istockphoto
Der Verhaltensökonomik zeigt: Trägheit hindert Menschen oft daran, für die Zeit nach dem Berufsleben vorzusorgen. Der Verhaltensökonom Shlomo Benartzi möchte dies ändern und schlägt die Trägheit mit ihren eigenen Waffen.

Jeden Tag treffen wir viele Entscheidungen. Einige davon haben mit Finanzen und Geld zu tun. Die Verhaltensökonomie versucht dieses Zusammenspiel von Ökonomie und menschlichen Entscheidungen zu erklären. Shlomo Benartzi – einer der bekanntesten Vertreter dieser Disziplin – sieht die Verhaltensökonomie nun in die zweite Phase eintreten.

Nicht mehr nur das Verstehen von Entscheidungen, sondern vor allem die Anwendung der Erkenntnisse und damit das Vermeiden von Fehlern soll das Ziel sein. Gerade bei der Vorsorge und langfristigem Sparen machen viele Menschen Fehler. So sorgt insbesondere Trägheit bei vielen dafür, nicht für das Alter vorzusorgen. Dabei weiss jeder, dass wir lieber heute als morgen beginnen sollten für das Alter vorzusorgen. Doch allzu gerne verschieben wir das Sparen auf morgen.

Shlomo Benartzi möchte mit seinem Konzept „Save More Tomorrow“ genau diese Trägheit nutzen. Heute müssen sich die meisten aktiv für eine Vorsorge entscheiden. Zwar gibt es neben der staatlichen auch die berufliche Vorsorge, die jeder Angestellte ab einem bestimmten Einkommen erhält, jedoch reicht diese meist nicht aus. Grösseren finanziellen Freiraum nach dem Berufsleben schafft ein privater Vorsorgeplan. Für diesen jedoch muss man sich aktiv entscheiden. Das Nicht-Treffen der Entscheidung für die Vorsorge ist bequemer als das Einrichten eines Vorsorgeplans.

Benartzi möchte dies ändern. Die Idee ist dabei so simpel wie effektiv: Wieso nicht den Standard ändern und die Altersvorsorge zum Standard machen? So müsste sich jeder aktiv der Entscheidung stellen. Untersuchungen in den Vereinigten Staaten zeigten, dass eine automatische Registrierung von Arbeitnehmern für Vorsorgepläne die Anzahl der Teilnehmer für die Zeit nach dem Berufsleben deutlich erhöhte. Wollten sie dies nicht, mussten die Arbeitnehmer aktiv angeben nicht am Vorsorgeprogramm teilzunehmen – die Trägheit des Treffens der Entscheidung wurde umgangen.

Doch Benartzis Konzept umfasst eine zweite Komponente. Die Idee ist, dass Menschen Dinge lieber in der Zukunft als in der Gegenwart erledigen. Wer kennt dies nicht? Die gesündere Ernährung kann ja auch nach dem ausgiebigen Restaurantbesuch beginnen. Morgen mache ich auch mehr Sport.

Für Benartzis Konzept der Vorsorge heisst dies, dass auch das Sparen in der Zukunft beginnt. Beispielsweise kann mit jeder Gehaltserhöhung auch die Sparquote ein wenig ansteigen und so die Vorsorgebasis breiter werden. Untersuchungen bestätigten auch hier die Effektivität. Wir projizieren eben unsere Entscheidungen gerne in die Zukunft.

Fazit: Benartzis Idee des „Save More Tomorrow“ wendet Erkenntnisse der Verhaltensökonomik auf die Altersvorsorge an. Für die Zukunft vorzusorgen ist wichtig und kann ein besseres Auskommen nach dem Berufsleben sichern. Benartzis Ansätze aus verhaltensökonomischer Perspektive können dabei helfen dies zu erreichen.

Mehr Informationen zu Benartzis Konzept finden Sie hier: Project M - Behavioral Finance 2.0

Sehen Sie hier auch Shlomo Benartzis Ausführungen zu seinem "Save More Tomorrow"-Programm bei einem Vortrag aus der TED-Talk-Serie:

Kommentare

Bild des Benutzers Tonicovi
Tonicovi
21. April, 2012
Der beschriebene Vorsorgesparplan ist mit unserer 2. Säule zu vergleichen. Seit 1972 haben viele Schweizer Unternehmen auf freiwilliger Basis solche Sparpläne oder Einlegerkassen für Mitarbeiter eingerichtet. Seit 1985 ist die 2. Säule obligatorisch. Ein höheres Salär/Gehaltserhöhung bedeutet proporzional ein höhers Sparkapital (wobei in der Schweiz der Arbeitsgeber auch einen Teil beisteutert). Tatsache ist auch für die Schweiz, dass erst das Obligatorum zu einer flächendeckenden Altervorsorge verholfen hat. Trotzdem ist auch bei dieser Studie zu beteuern, dass die Devise "Spending today, rather then saving for tomorrow..." eher im angelsächsischen Kulturraum vorzufinden ist.
Bild des Benutzers Csilla
Csilla
17. Juni, 2012
Finde die erste Komponente genial: Es ist tatsächlich so, dass wir häufig zu träge sind uns für etwas anzumelden. Also muss umgekehrt gelten, dass wir eben auch zu träge sind uns für etwas abzumelden. Insgesamt glaube ich aber, dass es vor allem an den finanziellen Möglichkeiten liegt, dass viele Leute nicht in die dritte Säule einzahlen.
Bild des Benutzers joerg.wiechert
joerg.wiechert
30. Juni, 2012
Da stimme ich zu. Es ist häufig aber auch eine Mischung aus Bequemlichkeit und Überheblichkeit ("ich kann damit auch später beginnen"). Lieber mit kleinen Beträgen HEUTE sofort anfangen, denn den Effekt des Zinseszins kann niemand später auffangen. Wer sich dieser Tatsache wirklich bewußt ist, hat schon gewonnen.
Bild des Benutzers Rebecca
Rebecca
04. August, 2012
Eigentlich sollte jeder eine wenig mehr pro Monat über seinen Finanzen nachdenken, dazu hilft diese Ideen sicherlich auch. Da bin ich überzeugt, aber es braucht noch mehr.